RTL-Doku "Teenager außer Kontrolle"

In der neuen Staffel „Teenager außer Kontrolle – Letzter Ausweg Wilder Westen“ absolvieren acht Jugendliche das „Catherine Freer Wilderness Therapy Program“. In wiefern unterscheidet sich das Programm von der Therapie auf der „Turn About Ranch“ in der ersten Staffel?

Auf der Turn About Ranch nehmen die Jugendlichen als Teil ihrer Therapie an der täglichen Arbeit der Ranch teil. Nach den ersten Tagen im Steinkreis leben die Jugendlichen in den Gebäuden auf der Ranch und arbeiten mit den Pferden, Rindern und anderen Tieren. Catherine Freer stellt die Natur in den Mittelpunkt der Therapie. Während des ganzen Programms schlafen die Jugendlichen in Zelten, kochen mit Gaskochern oder überm Lagerfeuer, und leben 8 Wochen lang ohne die üblichen Annehmlichkeiten moderner Zivilisation.

Wie funktioniert das Therapieprogramm in der neuen Staffel? Was sind die wesentlichen Aspekte?

Die Jugendlichen lassen die Ablenkungen ihres täglichen Lebens zurück und konzentrieren sich auf sich selbst, ihre Gedanken und Gefühle, ihre Vergangenheit und ihre Pläne für die Zukunft. In den ersten drei Wochen verbringen die Jugendlichen viel Zeit alleine und in Stille. Sie machen sich viele Gedanken über ihr Leben, ihre Entscheidungen und die Konsequenzen dieser Entscheidungen. Während dieser Zeit wandern die Jugendlichen jeden Tag, sie nehmen gesundes Essen zu sich, und ihre Körper haben die Gelegenheit, sich von Drogen, Alkohol und Zigaretten zu erholen. Während der zweiten Hälfte des Programms nehmen die Jugendlichen an verschiedenen Aktivitäten teil. Sie klettern, reiten, raften und leisten gemeinnützige Arbeit. Sie lernen neue Fähigkeiten, stellen sich vielen Herausforderungen und erleben Erfolge, die ihnen ein positives Selbstwertgefühl vermitteln. Sie lernen auch, was es bedeutet als Gruppe zusammenzuarbeiten und voneinander abhängig zu sein. Sie erkennen, dass es ihnen zu Hause eigentlich sehr gut geht und dass sie ihren Eltern für vieles dankbar sein können.

Was soll mit der Therapie bewirkt werden?

Die Therapie hilft den Jugendlichen zu erkennen, dass ihr Verhalten Konsequenzen hat und dass sie diese Konsequenzen kontrollieren können. Was hat zu einer schlechten Beziehung mit den Eltern geführt? Warum hatten sie ständig Probleme mit der Polizei? Warum gingen sie nicht in die Schule? Wenn sie über diese Fragen nachdenken und aufhören die Schuld für ihre Probleme bei den Eltern, den Lehrern oder der Polizei zu suchen, dann fängt die wahre Therapie an. Dann sagen Jugendliche: "Ich will lernen, meine Wut unter Kontrolle zu haben. Ich will eine bessere Beziehung zu meinen Eltern und Geschwistern haben." Oder: "Ich will aufhören zu trinken oder Drogen zu nehmen, weil mir eine Ausbildung doch wichtiger ist." Die Therapeuten und Betreuer helfen den Jugendlichen dann, Wege zu finden, genau das zu tun. Das zweite Ziel ist es, den Jugendlichen die Fähigkeiten beizubringen, die sie brauchen, um diese neuen Ziele auch erreichen zu können. Sie lernen, Gefühle zu erkennen und auszudrücken. Sie lernen, mit ihren Eltern über Probleme zu reden und die Beziehung zu verbessern. Sie lernen, dass sie auch ohne Drogen und Alkohol Spaß haben können. Sie lernen, dass Probleme ohne Gewalt gelöst werden können.
Drittens hoffen wir, dass die Jugendlichen sich den Herausforderungen des Lebens in der Natur stellen, Erfolg haben und damit ein positives Selbstwertgefühl entwickeln.

Welche Maßnahme der Therapie ist besonders erfolgreich?

Die Auseinandersetzung mit der Natur und das damit verbundene einfache Leben stehen im Mittelpunkt der Therapie. Da die Jugendlichen sich keine Sorgen darüber machen müssen, wie sie aussehen, was sie anziehen, was für Musik sie hören, welchen Film sie sich ansehen, und wo sie Drogen herbekommen, haben sie auf einmal Zeit, sich auf das zu besinnen, was im Leben wirklich wichtig ist. Andere Massnahmen, die den Jugendlichen helfen neue Erfahrungen zu machen und Erkenntnis zu haben sind die therapeutischen Aktivitäten, die wir mit den Jugendlichen machen. Diese Aktivitäten veranschaulichen Probleme, Lösungen und Gedankengänge. Anstatt nur darüber zu reden, dass es schwer sein wird, nicht mehr zu kiffen, sehen sich die Jugendlichen "angekettet" durch eine Papierkette, die sie zurück zu den Drogen zieht. Anstatt nur über Vertrauen zu reden, erfahren sie am eigenen Leibe, was es bedeutet sich blind fallen zu lassen und darauf zu vertrauen, dass die anderen sie auffangen. Ein anderer ganz wichtiger Teil der Therapie ist die Arbeit mit den Eltern. Wenn sich die Jugendlichen verändern und dann nach Hause zurückkehren, ohne dass sich etwas in ihrem Umfeld verändert hat, ist es fast unmöglich, nicht rückfällig zu werden. Je mehr die Eltern lernen, verstehen, und verändern, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Jugendlichen auch “verändert bleiben.”

Die gesamte Therapie wird gefilmt. Beeinflusst das Teenager und Betreuer?

Therapie ist immer situationsgebunden. Das Wetter beeinflusst die Therapie. Die Jahreszeit beeinflusst die Therapie. Die Persönlichkeit der Therapeuten beeinflusst die Therapie. Ja, die Tatsache, dass die Therapie gefilmt wird, ist ein weiterer Faktor, der die Therapie beeinflusst. Und das ist weder gut noch schlecht, sondern einfach nur eine Tatsache.

Gibt es Situationen in der Therapie, bei denen die Kamera nicht dabei sein darf?

Bei Gesprächen, die aus therapeutischen Gründen vertraulich waren, so wie bei Gesprächen über Missbrauch oder andere traumatische Erfahrungen, wurden die Kameraleute oft gebeten, nicht zu filmen.

Wie groß ist erfahrungsgemäß die Chance, dass die Teenager durch die Therapie ihre Probleme dauerhaft in den Griff kriegen?

Schwer zu sagen. Die meisten Jugendlichen gewinnen durch die Therapie genug Abstand von ihrem "alten" Leben, um zu erkennen, dass sie langfristig etwas verändern wollen. Manchmal ist das schwerer umzusetzen als sie dachten und sie werden rückfällig, aber normalerweise haben sie genug gelernt, um schnell wieder auf ihre neuen Ziele hinzuarbeiten. Natürlich werden die Jugendlichen auch nach der Therapie noch mit ihren Eltern streiten und Probleme haben. Aber sie verstehen, dass ihr Verhalten Konsequenzen hat, und denken darum oft erst darüber nach, ob es die Konsequenzen wirklich wert sind, bevor sie wieder trinken, Drogen nehmen, sich schlagen oder die Schule schwänzen.

Haben Sie nach den acht Wochen Therapie noch Kontakt zu Familien und Teenagern? Gibt es eine Nachbetreuung?

Ich habe telefonischen Kontakt mit den Familien, aber wir hatten dieses Jahr außerdem noch die Gelegenheit für einige der Jugendlichen eine intensivere Nachbetreuung mit anderen Organisationen zu koordinieren. David wird durch die Karuna E.V in Berlin betreut. Andreas hatte die Gelegenheit, noch weitere 3 Monate in Amerika bei einer therapeutischen Pflegefamilie zu verbringen. Stacy nimmt an einer Therapie teil. Pascal bekommt Hilfe vom Arbeitsamt, damit er seinen Schulabschluss nachmachen kann. Kevin und seine Eltern haben ein Programm gefunden, das es ihm erlaubt seine Schulpflicht zu absolvieren, ohne wieder an die Schule zurückzukehren, an der er so viele Probleme hatte.

Haben Sie noch Kontakt zu den Teenagern aus der ersten Staffel? Wie geht es den Jugendlichen heute?

Einige von den Teenagern und auch den Eltern aus der ersten Staffel schreiben mir ab und zu, um mir mitzuteilen, wie es ihnen geht. Marvin lebt seit fast einem Jahr mit seiner Freundin zusammen. Er hat anfangs ein paar Jobs verloren, ist rückfällig geworden, hat Probleme mit der Polizei gehabt, ist aber in der Lage gewesen, das alles in den Griff zu bekommen. Er hat jetzt aber einen guten Job und wird demnächst eine Ausbildungs im Sicherheitsdienst machen. Simon ist aus Berlin weggezogen, hat sein Praktikum in Bethel beendet und holt im Moment sein Abitur nach. Auch er hatte ein paar Schwierigkeiten, war aber in der Lage, diese zu meistern.
Gina hat ihren Schulabschluss bekommen und macht eine Ausbildung. Sie ist sehr viel erwachsener geworden. Alle der Jugendlichen mussten mit schwierigen Situationen umgehen und manchmal haben sie das super hingekriegt und manchmal haben sie dumme Entscheidungen getroffen, mit deren Konsequenzen sie dann umgehen mussten. Aber ein Jahr danach haben die meisten der Jugendlichen ihr Leben recht gut im Griff.

In Deutschland wird derzeit kontrovers über "Erziehungscamps" für jugendliche Straftäter diskutiert. Verfolgen Sie diese Diskussion? Was muss eine seriöse Erziehungseinrichtung Ihrer Meinung nach leisten?

Um Jugendlichen wirklich helfen zu können, muss die Philosophie einer Erziehungseinrichtung darauf beruhen, dass Verhalten und Entscheidungen Konsequenzen haben. Es darf nicht in erster Linie darum gehen, die Jugendlichen zu bestrafen und ihnen zu zeigen, wie sehr sie anderen wehgetan haben. Es sollte keine körperliche Züchtigung geben. Das bedeutet aber nicht, dass Betreuer nicht körperlich eingreifen, wenn es um Sicherheit geht. Es sollte klare Grenzen und Erwartungen geben, damit die Jugendlichen wissen, was sie tun müssen, um Erfolg zu haben und was passieren wird, wenn sie Grenzen ignorieren.
Eine gute Einrichtung ist von einer Aufsichtsbehörde lizensiert. In Amerika gibt es neben dem Staat verschiedene private Organisationen, die Richtlinien festlegen und diese dann auch regelmässig kontrollieren. Ich bin mir nicht sicher, wie das in Deutschland ist.
Die Betreuer sollten eine anerkannte Ausbildung haben und von der Einrichtung weitergebildet werden, damit sie mit schwierigen Situationen angemessen umgehen können.
Meine Erfahrung ist, dass nur wenige Jugendliche wirklich "verloren" sind. Die meisten wollen und können ihr Leben ändern. Persönlich glaube ich, dass Verständnis und Zuwendung genauso wichtig sind, wie Struktur, Regeln und Konsequenzen. Wir sind soziale Wesen und brauchen Beziehungen. Manchmal haben Jugendliche zu viele schlechte Erfahrungen in ihren Beziehungen mit anderen Menschen gemacht, um darauf zu vertrauen, dass Therapeuten und Betreuer es im Endeffekt gut mit ihnen meinen. Diese Jugendlichen können oft mit Tieren eine Beziehung aufbauen. Darum hoffe ich, im Herbst mein eigenes Programm anzufangen, das Tiere in den Mittelpunkt der Therapie stellt. Jugendliche werden dort wieder mit Pferden, aber auch mit Hunden arbeiten. Sie werden die Gelegenheit haben, einen Hund zu adoptieren und diesen zu trainieren.